Fibromyalgie: Interview mit dem Arzt und Buchautor Dr. med. Eberhard J. Wormer

„Das Erscheinungsbild der Fibromyalgie ist vielgestaltig – ebenso die Möglichkeiten der Behandlung“

„Die genauen Mechanismen des Fibromyalgie-Syndroms sind nach wie vor unklar; höchstwahrscheinlich entsteht es aus einer Kombination von persönlicher Veranlagung und verschiedenen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren. Wohl ebenso schmerzhaft wie der körperliche Schmerz ist für die Betroffenen jedoch oft die Erfahrung, dass ihre Leidensgeschichte von Ärzten und ihrer Umwelt nicht ernst genommen oder sie, schlimmer noch, als ‚Simulanten‘ abgestempelt werden.“ Der Arzt Dr. Eberhard J. Wormer klärt in seinen beiden Ratgebern „Fibromyalgie“ über die Schmerzkrankheit auf, erläutert leicht verständlich den aktuellen medizinischen Wissenstand und gibt wertvollen Rat zu den diversen Behandlungsmöglichkeiten, die – in der richtigen Kombination und in einer individuell maßgeschneiderten Therapie – den Betroffenen zu Schmerzfreiheit und damit zu neuer Lebensqualität verhelfen können.

Immer mehr Menschen sind von der chronischen Schmerzerkrankung betroffen. Existiert die Schmerzkrankheit wirklich oder ist sie bloße „Einbildung“?

Dr. Wormer: Die Existenzfrage steht nach wie vor im Raum, zumindest bei vielen Ärzten, die die Schmerzkrankheit bezweifeln oder schlecht informiert sind. Tatsächlich begann die Erforsch­ung der Fibromyalgie (FMS) bereits 1972. Seit 1990 gibt es die Fibromyalgie-Definition der Amerikanischen Rheumatologen (ACR). Bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und in der deutschen Krankheitenliste (2008) ist FMS mit eigenen Codes vertreten. Die aktualisierte deutsche Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Fibromyalgie stammt aus dem Jahr 2012. Je nach Standpunkt liegt die Zahl der Schmerzkranken in Deutschland bei fünf bis elf Millionen. Mit einem Wort: Die Schmerz­krankheit Fibromyalgie existiert. Wer das Gegenteil behauptet, äußert eine persönliche Meinung, die der Faktenlage widerspricht und menschliches Leiden missachtet.

Was sind mögliche Ursachen?

Dr. Wormer: Die Entstehung chronischer Schmerzen hat mit der Arbeitsweise unseres Gehirns zu tun. Das Gehirn ist eine außergewöhnliche „Lernmaschine“, und es ist immer in Betrieb. Ständiger Input kommt von Sinneswahrnehmungen, auch vom Frühwarnsystem der Schmerzem­pfin­dung. Ausnahmslos jeder Input wird für Lernprozesse benutzt. Schmerz wird gelernt. Da schmerzhafte Ereignisse mit Verletzung, Bedrohung, Verlust und traumatischen Zuständen verbunden sind und starke Gefühle freisetzen, werden sie vom Gehirn als besonders wichtig eingestuft und nachhaltig in das Gedächtnis „eingraviert“. Somit bleibt der gelernte Schmerz erhalten, obwohl die Ursache längst verschwunden ist. Daraus lässt sich ableiten, dass die richtige Schmerztherapie eine sofortige Schmerztherapie ist oder absehbaren Schmerz im Vorfeld bekämpft. Wird dies versäumt, setzt sich der Schmerz fest und kann zur hartnäckigen, schwer beeinflussbaren Schmerzkrankheit werden. Eine einzelne Ursache für Fibromyalgie gibt es nicht, sie entsteht höchstwahrscheinlich aus einer Kombination von Veranlagung und verschiedenen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren wie traumatische Erfahrungen, psychische Probleme, Dauerstress und ein ungesunder Lebensstil. In jedem Fall ist die zentrale Schmerzverarbeitung gestört, doch die genauen Mechanismen von chronischem Schmerz sind leider noch unklar.

Oft haben Betroffene eine jahrelange Odyssee hinter sich, bevor die richtige Diagnose gestellt wird. Woran liegt das?

Dr. Wormer: Für den Arzt ist die Diagnose Fibromyalgie eine relativ einfache Sache – vorausgesetzt, er nimmt die Leidensgeschichte seines Patienten ernst und ist zumindest in Grundzügen über die Schmerzkrankheit informiert. Das ist jedoch in der Realität nur selten der Fall, was selbst deutsche Schmerzexperten zugeben. Es ist bequemer, an den vielfältigen Symptomen herumzudoktern, als sich intensiv mit der Schmerzgeschichte des Patienten zu befassen. Hinzu kommen fehlendes Fachwissen, Misserfolge bei Behandlungen und zunehmende Verzweiflung auf beiden Seiten. Am schlimmsten ist die Stigmatisierung des Schmerzkran­ken als „Simulant“ oder „Psycho“. Ein tragisches Dilemma für Betroffene. Kein Wunder, dass es lange dauert, bis der definierte Krankheitszustand endlich anerkannt wird. Das Thema Schmerz war bislang kaum in der ärztlichen Ausbildung vertreten. Und von angemessener Schmerztherapie, etwa mit Opiaten, haben noch immer viele Ärzte wenig Ahnung. Eine wahrhaft schmerzliche Erkenntnis. Die Ärzteschaft hat Besserung gelobt.

Bei der Suche nach der organischen Ursache für die Krankheit tappen Mediziner bislang im Dunkeln. Gibt es neue Entwicklungen oder gar einen Durchbruch in der Forschung?

Dr. Wormer: Das Schmerzgeschehen ist eine komplexe Sache. Es liegt auf der Hand, dass es schwierig ist, organische Ursachen zu finden, wenn man die Neurobiologie der Gedächtnisbildung berücksichtigt. Das heißt, chronischer Schmerz ist wie jeder andere Lerninhalt als Gewebestruktur im Gehirn hinterlegt. Mittlerweile befasst sich die Forschung wieder mit der Suche nach neuen Schmerzmitteln. Man geht etwa von der Annahme aus, dass Schmerz mit Entzündungsprozessen an Nerven verbunden ist; das Interesse richtet sich dabei auf Gliazellen („Nervenhüllen“). Eine Erfolgsmeldung aus Würzburg besagt, dass man Schädigungen von kleinkalibrigen Schmerzfasern als Ursache ausgemacht hat – hier erhofft man sich den Nachweis des krank machenden Auslösers. Mit einem „Durchbruch“ ist aber nicht zu rechnen. Fibromyalgie bleibt weiterhin ein medizinisches Rätsel, ein allseits wirksames Heilmittel wird es vorerst sicher nicht geben.

Welche medizinischen Therapiekonzepte gibt es für die Fibromyalgie? Sind hier auch Maßnahmen zur Selbstbehandlung oder alternative Heilmethoden möglich?

Dr. Wormer: Dem vielfältigen Erscheinungsbild der Fibromyalgie gemäß gibt es eine Fülle von Behandlungsmöglichkeiten: Medikamente, Entspannungs- und Naturheilverfahren, Akupunktur, Kälte-/Wärmetherapie, physikalische Therapie, Psychotherapie bis hin zu operativen Eingriffen. Als derzeit wirksamste Behandlung gilt die multimodale Therapie, die fast alle genannten Verfahren kombiniert. Der wichtigste Beitrag auf dem Weg zur besseren Lebensqualität kommt aber von den Betroffenen selbst. Mittlerweile hat auch die Schulmedizin den Nutzen mancher Maßnahmen zur Selbstbehandlung anerkannt und empfiehlt diese ausdrücklich, zum Beispiel Yoga. Ein gesunder Lebensstil kann wirksam dazu beitragen, dass sich die Befindlichkeit verbessert. Kurz gesagt: Hoffnung, dass die Schmerztherapie etwas verbessert, gibt es zu jeder Zeit.

Woran könnte es liegen, dass zumeist Frauen von chronischen Schmerzen und Fibromyalgie-Symptomen betroffen sind?

Dr. Wormer: Frauen und Männer „ticken“ anders, vor allem, wenn es um Gesundheitsfragen geht. Frauen gehen häufiger zum Arzt und zur Vorsorge. Da fällt ein Schmerzsyndrom schneller auf. Männer neigen dazu, Schmerzprobleme zu ignorieren. Frauen konzentrieren sich bei der Schmerzbewältigung mehr auf zwischenmenschliche und emotionale Aspekte und suchen soziale Unterstützung. Sie sprechen darüber. Offensichtlich gibt es auch genetische Faktoren – bestimmte Proteine, die Frauen möglicherweise schmerzempfindlicher machen als Männer. Auch der Hormonstatus spielt eine Rolle. Die Abhängigkeit der Schmerz­empfindlichkeit vom Menstruationszyklus ist experimentell untersucht. Sinkende Östrogen­spiegel – zum Beispiel in den Wechseljahren – hemmen bestimmte Rezeptoren. Auch die Aktivierung von Kontaktstellen zwischen Nervenzellen (Synapsen) im zentralen Nerven­system und von verschiedenen Rezeptoren scheint vom hormonellen Status abzuhängen.

Chronische Schmerzen belasten auch die Seele und haben ernsthafte Auswirkungen auf das Familien- und Berufsleben. Wie findet man Hilfe und Unterstützung?

Dr. Wormer: Schmerzkranke brauchen Unterstützung und Verbündete auf ihrem Weg zur Bewältigung der Krankheit. Hier hilft alles, was zum Verständnis und zur Information über die Krankheit beiträgt – Ratgeber, Internetforen, Selbsthilfeinstitutionen, Kontakt mit anderen Betroffenen. Auch das persönliche Umfeld des Betroffenen kann viel dazu beitragen, dass das Leben mit der Schmerzkrankheit für den Betroffenen wieder erträglich wird. Geduld und Zuwendung, tatkräftige Hilfe und Verständnis vom Partner und Angehörigen sind echte Heilmittel. Falls der Beruf auf dem Spiel steht, sollte man für den Erhalt seiner Arbeitsfähigkeit kämpfen. Wer sich nicht überfordert und die Grenzen seiner Belastbarkeit beachtet, wird noch lange am Berufsleben teilnehmen können.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Mankau Verlages.

Die Rechte liegen bei: Mankau Verlag GmbH, Postfach 13 22, D-82413 Murnau a. Staffelsee, Tel. +49 (0) 8841 / 627769-0, Fax -6, kontakt@mankau-verlag.de, http://www.mankau-verlag.de.

 

Dr. med. Eberhard J. Wormer
Fibromyalgie
Chronischen Schmerz erfolgreich bewältigen
Mankau Verlag, 1. Aufl. April 2015
Klappenbroschur, durchgehend farbig, 127 S., 11,5 x 16,5 cm 7,99 € (D) / 8,20 € (A), ISBN 978-3-86374-211-9

 


					
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