Interview mit Dr. med. Eberhard J. Wormer „Verschiedene Faktoren haben zur gegenwärtigen Hashimoto-Epidemie wesentlich beigetragen“

„Verschiedene Faktoren haben zur gegenwärtigen Hashimoto-Epidemie wesentlich beigetragen“

„Die Schilddrüse ist sozusagen der Energieregler des Körpers. Und sie ist als Teil eines Hormon-Steuerungssystems mit anderen Reglersystemen vernetzt: Sexualhormone, Stresshormone etc. Ist ein Reglersystem beeinträchtigt, kommt es auch zu Beeinträchtigungen der anderen Reglersysteme – deshalb gibt es so viele verschiedene Symptome. Zur erfolgreichen Behandlung von Hashimoto brauchen Sie zwei Dinge: erstens einen Facharzt für Endokrinologie, zweitens Ihre eigene Hashimoto-Kompetenz und Handlungsbereitschaft.“ Im Gespräch spricht der Arzt Dr. med. Eberhard J. Wormer, Autor u. a. des im Mankau Verlag erschienenen Ratgebers „Hashimoto“, über die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis, ihre Entstehung und mögliche Heilungschancen.

Interview mit dem Arzt und Buchautor Dr. med. Eberhard J. Wormer:

Hashimoto-Thyreoiditis ist die häufigste bekannte Autoimmunerkrankung, trotzdem ist sie sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch bei der Ärzteschaft zu wenig bekannt. Was sind die Gründe dafür?

Dr. Wormer: Die wichtigsten Ursachen heißen: Unwissenheit und Bequemlichkeit. Einmal mehr stehen Haus- und niedergelassene Ärzte in schlechtem Licht da. Der Schilddrüsenstoffwechsel bzw. die Endokrinologie sind komplizierte Themen. Das macht Arbeit, also lässt man die Finger davon. Hashimoto, Fibromyalgie oder Vitamin D-Mangel produzieren jede Menge unspezifische Beschwerden, häufige Arztbesuche und Medikamentenverordnungen. Warum sollten Ärzte daran etwas ändern wollen? Das ist eine gute Geschäftsgrundlage, zum Nachteil der Betroffenen, die viel zu lange mit Nebenwirkungen und verminderter Lebensqualität leben müssen. Medien versuchen hin und wieder, das Thema so gut es geht zu behandeln. Letztendlich bleiben für die breite Öffentlichkeit Ratgeber, Mundpropaganda und Selbsthilfegruppen die besten Gegenmaßnahmen.

Mit welchen Symptomen und Beschwerden haben die Betroffenen dieser Störung des Immunsystems zu kämpfen?

Dr. Wormer: Störungen der Schilddrüsenfunktion betreffen den ganzen Menschen. Die Beschwerden sind deshalb so vielfältig, weil Schilddrüsenhormone an den Zellen fast aller Organe andocken können. Deshalb treten sehr unterschiedliche Beschwerden auf. Haut und Haare, Magen und Darm, Herz und Kreislauf, Gehirn und Nervensystem, die Psyche, die Muskulatur und das Fettgewebe können betroffen sein. Im klassischen Fall kommt es anfangs zu Symptomen der Schilddrüsenüberfunktion, die sich nachfolgend abschwächen und am Ende in eine chronische Unterfunktion übergehen. Variationen dieses Ablaufs, etwa phasenweise abwechselnde Unter- und Überfunktion, sind möglich. Denken Sie an Ihre Schilddrüse, wenn Sie Müdigkeit und Erschöpfung spüren, wenn Schlafstörungen und gedrückte Stimmung auftreten, wenn Sie an Gewicht zunehmen, wenn Sie nervös und reizbar sind oder wenn die Verdauung verrückt spielt.

Die Schilddrüse ist Teil des komplexen Netzwerks endokriner Prozesse. Wie kann man sich die Funktionsweise dieses Systems vorstellen, und welche Ursachen und Risikofaktoren sind für Fehlfunktionen verantwortlich?

Dr. Wormer: Die Schilddrüse ist sozusagen der Energieregler des Körpers. Und sie ist als Teil eines Hormon-Steuerungssystems mit anderen Reglersystemen vernetzt: Sexualhormone, Stresshormone etc. Ist ein Reglersystem beeinträchtigt, kommt es auch zu Beeinträchtigungen der anderen Reglersysteme – deshalb gibt es so viele verschiedene Symptome. Die Entstehung von Hashimoto ist klar: Eigene Immunzellen greifen das Drüsenorgan an und sorgen dafür, dass die Schilddrüse schubweise vernichtet wird. Risikofaktoren sind größtenteils moderne Lebensstilfaktoren! Nicht jede Schilddrüse verträgt das auf Dauer: jodangereichertes Salz, ungesunde nährstoffarme Nahrungsmittel, zu viele Kohlenhydrate und Klebereiweiß aus Getreideprodukten, zu wenig Sonne, zu wenig Vitamin D. Wahrscheinlich haben diese Faktoren zur gegenwärtigen Hashimoto-Epidemie wesentlich beigetragen.

Diagnose und Behandlung der Hashimoto-Thyreoiditis gelten in der Medizin als schwierig, dennoch gibt es Behandlungserfolge und wirksame Bewältigungsstrategien. Welche Therapiekonzepte sind hier besonders geeignet?

Dr. Wormer: Unwissenheit ist das Problem, Wissen ist die Lösung des Problems. Zur erfolgreichen Behandlung von Hashimoto brauchen Sie zwei Dinge: erstens einen Facharzt für Endokrinologie, zweitens Ihre eigene Hashimoto-Kompetenz und Handlungsbereitschaft. Im Prinzip besteht das Therapiekonzept darin, dass die zunehmend schrumpfende, natürliche Hormonproduktion der Schilddrüse durch einen einigermaßen passenden Hormonersatz möglichst bedarfsgerecht und naturnah nachgeahmt wird. Das Problem ist die zeitliche Verzögerung der Hormonwirkung. Um das in den Griff zu bekommen, ist Ihre eigene Hashimoto-Kompetenz gefragt. Irgendwann wissen Sie, wann Sie wie viel Hormon einnehmen müssen, um die beste Lebensqualität zu erreichen. Das regeln Sie selbst, ohne Arzt – der darf dann die Laborwerte bestimmen.

Die Symptome bei Hashimoto lassen sich schwer zuordnen, da sie sowohl Anzeichen einer Schilddrüsenunterfunktion als auch ‑überfunktion umfassen. Was können Betroffene zur Klärung beitragen, wenn sie entsprechende Beschwerden an sich beobachten?

Dr. Wormer: Wie gesagt, Hashimoto, Fibromyalgie und Vitamin D-Mangel, vielleicht noch „Burnout“ – um nur die häufigsten Symptomkomplexe zu nennen – verursachen gleichermaßen unspezifische Beschwerden. Ich könnte beispielsweise raten: Wenn Sie an Schlafstörungen leiden, denken Sie zuerst an Ihre Schilddrüse, dann an Ihren Vitamin D-Status – oder umgekehrt. Befindlichkeitsstörungen, die sich am gesamten Organismus unspezifisch äußern, haben eine simple gemeinsame Ursache: Schilddrüsenhormon und Vitamin D werden für alle Zellen, Gewebe und Organe in ausreichender Menge gebraucht – daran würde ich zuerst denken. Also: Lassen Sie Ihre Schilddrüsenwerte und Ihren Vitamin D-Status (25(OH)D) im Labor kontrollieren. Kümmert man sich um diese beiden Gesundheitsfaktoren, kommt es überraschend oft zu „Heilerfolgen“.

Frauen sollen etwa zwölfmal häufiger an Hashimoto-Thyreoditis erkranken als Männer – welche Faktoren spielen hier eine Rolle?

Dr. Wormer: Das ist schwer zu sagen. Auffällig ist, dass Frauen auch von anderen Autoimmunerkrankungen häufiger betroffen sind. Sie sind auch stärker von Hormonschwankungen betroffen, die nicht nur von der Schilddrüse kommen. Das bezieht sich vor allem auf das Gleichgewicht der Sexualhormone. Hier verändern sich in drei Lebensphasen die Hormonspiegel im Blut: Pubertät, Schwangerschaft/Wochenbett und Wechseljahre. Offenbar steht deshalb das gesamte Hormonnetzwerk immer wieder schwer unter Druck, wobei das Risiko für fehlerhafte Immunreaktionen ansteigt. Jede Geburt bringt das weibliche Hormonsystem an die Grenze seiner Belastbarkeit. Die enge Vernetzung der Schilddrüse mit dem endokrinen System, insbesondere den zentralen Anteilen (Hypothalamus, Hypophyse), macht bei Schilddrüsenstörungen etwa auch die Eierstöcke störungsanfällig: Die übergeordneten Steuerzentren Hypothalamus und Hypophyse regulieren die Hormonproduktion der Schilddrüse und der Eierstöcke.

Trotz unbekannter Ursachen und geringer Heilungschancen ist ein nahezu beschwerdefreies Leben mit Hashimoto möglich. Welche Empfehlungen zur Selbsthilfe können Sie Betroffenen geben?

Dr. Wormer: Machen Sie sich kundig. Informieren Sie sich über Hashimoto mit Fach- und Ratgeberliteratur. Informieren Sie sich im Internet in Betroffenenforen und auf Selbsthilfeseiten. Glauben Sie nicht alles, was Sie im Internet lesen! Beobachten Sie sich selbst in Bezug auf die Wirkungen von Schilddrüsenhormon, das Sie einnehmen. Entwickeln Sie eine Intuition für die richtige Dosierung. Hören Sie Ihrem Arzt zu – aber tun Sie das, was Sie für richtig halten. Je weniger Arztbesuche, desto höher ist Ihre Lebensqualität. Suchen Sie sich Verbündete und Unterstützung in Ihrem persönlichen Umfeld. Sie schließen Frieden mit Ihrer geplagten Schilddrüse. Sie eliminieren ernährungsbedingte Risiken wie Gluten und Jod. Sie bekämpfen Stress mit Autogenem Training und Yoga. Sie genießen Ihren gesunden Lebensstil. Versuchen Sie es. Geben Sie nicht auf. Sie schaffen das.

Das Interview wurde im August 2014 geführt. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Mankau Verlages.

Wormer_Hashimoto_1000pxDr. med. Eberhard J. Wormer
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